
Ein Gastbeitrag von Frau Lepak, Biografie- und Erinnerungsbuch-Beraterin
Wie hält man ein Leben fest, das mehr war als Daten und Fakten? Diese Frage begleitet Frau Lepak seit vielen Jahren in ihrer Arbeit mit Trauernden und mit Menschen, die ihre eigene Geschichte aufschreiben möchten. In diesem Beitrag teilt sie ihre Erfahrungen darüber, wie Erinnerungsbücher und Biografien entstehen – und welche Kraft im gemeinsamen Erinnern liegt.
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bleiben Anekdoten, Zitate und Geschichten zurück – meist in den Gedanken und Erinnerungen der Angehörigen und Freunde. Manchmal hinterlässt der Verstorbene auch eigene Aufzeichnungen wie Tagebücher und Briefe. Es bleiben Dokumente und Fotos, Unterlagen und persönliche Gegenstände. Sie alle sind Mosaiksteine, die ein Leben erzählen und eine Persönlichkeit nachzeichnen, wenn man sie zusammensetzt.
Zu Anlässen wie Trauerfeiern, Jahrestagen oder Feiertagen kommen die Hinterbliebenen zusammen, tauschen ihre Erinnerungen aus, erzählen einander von dem Verstorbenen. Einige dieser Mosaiksteine stehen so für den Moment nebeneinander. Doch man kann sie auch physisch festhalten als etwas Sichtbares, Chronologisches. Ein Erinnerungsbuch kann ein Ort sein, an dem all die Erzählungen und Aufzeichnungen ihren Platz finden. Es ist beständig und kann in stillen Momenten wieder zur Hand genommen werden. Es kann weitervererbt werden, sodass auch die Enkel und Urenkel eine Möglichkeit bekommen, den Menschen kennenzulernen.
Erinnern hilft beim Verarbeiten und ist damit Teil der Trauerarbeit. Die Gedanken und Gefühle, die oft ungeordnet und plötzlich erscheinen, finden in der Erzählung für das Erinnerungsbuch eine Struktur und Zusammenhänge. Das Erzählen bringt den Verstorbenen näher – nicht zuletzt durch die Erinnerungen der anderen Familienmitglieder. Es entsteht das Gefühl, noch einmal gemeinsam durch das Leben zu gehen. Starke Empfindungen wie Leere und Schmerz können entlastet werden, wenn die gesamte Geschichte eines Menschen gewürdigt wird und der Fokus vom Tod zum Leben wandert. Die Machtlosigkeit, die oft mit der Trauer zusammenkommt, wird in aktives Tun umgewandelt, denn die Hinterbliebenen können gestalten, entscheiden, bewahren. Sie verleihen so der Lebensgeschichte eines Menschen einen angemessenen Rahmen, der seine Individualität einfängt.
Das Erinnern beginnt jedoch nicht erst mit dem Tod eines nahestehenden Menschen, sondern bereits mitten im eigenen Leben. Immer wieder reflektieren wir über unseren Werdegang, über Entscheidungen und Wendepunkte, oder erinnern uns einfach an bestimmte Zeitabschnitte. Auch sie sind es wert, aufgeschrieben zu werden. Das (auto)biografische Schreiben kann helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Vergessenes zutage zu fördern und den eigenen Lebensweg besser zu verstehen. Manchmal kann das auch helfen, die Zukunft neu auszurichten.
Indem man die eigene Biografie schreibt, kann man sein Leben in seinen eigenen Worten und in seiner eigenen Sicht darstellen. Man selbst bestimmt, welche Erinnerungen bleiben und welche nicht. Beweggründe, Hoffnungen und Zweifel, die sonst unausgesprochen sind, finden ihren Platz. Gleichzeitig hält man ein Stück Zeitgeschichte fest. Denn die Beschreibungen und Detailtreue einer Autobiografie zeichnen zugleich ein Bild der jeweiligen Zeit und geben oft Einblicke, die man nicht ohne weiteres in anderen Quellen findet. Auf diese Weise hält man auch sein Leben für seinen Nachkommen fest und gibt ihnen die Möglichkeit des Kennenlernens – vor allem dann, wenn sie eines Tages nicht mehr fragen können.
Die Biografie und das Erinnerungsbuch können einander ergänzen. Neben der Erzählung des eigenen Lebens und Geschichten, die nur man selbst kennt, steht der Blick von außen, stehen Erlebnisse und Eindrücke von Familie und Freunden. Die Mosaiksteine fügen sich zu einem umfassenden Lebensbild zusammen.
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